05 Sep 2008 08:15:00 | melanie_83
Als ich so durch die Kommentare des letzten Eintrages schaute, war ich überrascht, wie viele dem Grund der Einladung sehr nahe kamen. Entweder ich bin ziemlich naiv oder die Kombinationsgabe ist leichter, wenn man nicht selbst betroffen ist und nur davon liest.
Nun ja. Ich machte mich also gestern nett zurecht, denn auch für Besuche bei Omis sollte man passend gekleidet sein. Ein wenig konservativer als sonst, dennoch aber nicht altbacken. Schließlich ist die Frau alt genug, da muss ich nicht auch noch so wirken.
So ging ich hinauf und drückte beherzt den Klingelknopf. Und nichts geschah. Ich drückte nochmals und wieder geschah nichts. Das wiederholte sich einige Male und so allmählich begann ich an Rentner zu denken, die monatelang tot vor einem Fernsehgerät sitzen und die Einschaltquote des ZDF sichern. Andererseits hatte sie am Vortag noch ziemlich fit gewirkt. So beschloss ich, erst einmal nicht Hausmeister, Feuerwehr, Polizei und GSG9 zu bestellen, sondern wieder nach Hause zu gehen.
Das tat ich mehr oder weniger, als mir auf der Treppe mit ziemlich rotem Kopf und schnaufend die glücklicherweise immer noch lebendige Omi entgegenkam. Wie sie mir erklärte, hatte sie festgestellt, dass sie nichts mehr im Haus hatte, noch nicht einmal ein paar steinharte Kekse aus der Gründerzeit der Republik. Das geht natürlich nicht an, wenn man sich Besuch einläft und so ist sie schnell zur Konditorei gelaufen und hat etwas geholt. Das Etwas entpuppte sich später als Marzipan-Sahnetorte und wird in den nächsten Tagen wieder mühsam abtrainiert sein wollen. Aber lecker war's.
Ich schweife ein wenig ab und ebenso erging es der Omi, denn sie drückte ihren Rücken durch, schaute mich an und sagte: 'Sie wissen ja, weswegen ich Sie eingeladen habe, nicht?' Naja. Eigentlich wusste ich ebendies nicht. 'Vermutlich wollen Sie mir ins Gewissen reden', spekulierte ich deshalb erst einmal.
'Ach was!', rief sie. 'Wenn Sie so blöd sind und nicht auf sich und Ihre Gesundheit achten, dann wird es wohl wenig nützen, wenn eine alte Schachtel Ihnen Vorträge hält!'
Der Logik konnte ich mich nicht entziehen. Allerdings sind alte Schachteln nicht unbedingt immer logisch. 'Sie benutzen doch Kondome?' fragte sie folgerichtig auch gleich und schaute mich forschend an. Natürlich tue ich das und bestätigte ruhigen Gewissens. 'Und Ihre Kollegin tut dies auch?' Damit konnte nur meine Mitbewohnerin gemeint sein, die mit dem Gewerbe nichts am Hut hat. Trotzdem schützt auch sie sich und ich erklärte das. 'Ach so.', sagte die Omi nur.
Ich bereute aufrichtig, hergekommen zu sein, sagte als höflicher Mensch aber nichts davon. Mitten in meinen Überlegungen, wie ich möglichst elegant und schnell aus der Wohnung käme, bemerkte sie dann: 'Wissen Sie, wir waren damals sehr leichtsinnig. Das ich nicht schwanger geworden bin, ist letztlich nur Glück und Zufall.'
An dieser Stelle musste ich das Karussell meiner Gedanken jäh anhalten und in eine andere Richtung drehen. 'Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz', sagte ich deshalb und runzelte meine sonst faltenfreie Stirn.
Ja und dann erzählte sie. 17 Jahre war sie alt, als der Krieg vorbei war und statt Eltern, die sich um sie kümmern konnten, hatte sie nur einen jüngeren Bruder, für den sie auch noch die Verantwortung tragen musste. Schnell erkannten die beiden, dass sie am ehesten eine Überlebenschance hätten, wenn sie eine Aufgabenteilung vornahmen. Der Junge begab sich täglich auf die Suche nach Kartoffeln oder anderen Dingen, von denen man sich irgendwie ernähren konnte und überredete sie, ihre Scheu zu überwinden und den Soldaten Geschlechtliches gegen Zigaretten oder Schokolade anzubieten. So schafften sie es mehr oder weniger durch die schwersten Jahre und ihr Bruder wurde zum Glück kein Krimineller, sondern kam bei Verwandten im Allgäu unter, wo er noch heute lebt.
Sie hingegen blieb zunächst bei dem Geschäftsmodell, wenngleich nun die DM die Naturalien abgelöst hatte. Doch wirklich gern machte sie das nie und deshalb machte sie Ende der Fünfziger Jahre einen radikalen Schnitt, zog in eine andere Stadt und fing in einem Büro als Assistentin an. Sie hatte Ehrgeiz und als sie Jahrzehnte später in Rente ging, verlor die Firma eine resolute und geachtete Chef-Sekretärin.
Warum sie mir all das erzählt hat, kann ich nicht genau sagen. Ich glaube nicht, dass es ungewöhnlich ist, was sie nach dem Krieg getan hat. Sehr viele Frauen dürften sich auf diese Weise das Überleben gesichert haben, nur redet kaum eine gern darüber.
Ich habe sie am Ende gefragt, ob sie mir durch die Blume zu verstehen geben will, dass ich auch etwas anderes beginnen soll, doch sie schüttelte den Kopf und meinte, dass dies meine Sache wäre. Nur auf die Kondome solle ich nie verzichten, das müsse sein.